Am Beispiel meines Bruders

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Greta Geerling
Buchhändlerin
Bonifatius Buchhandlung, Dortmund
Uwe Timm hat mit „Am Beispiel meines Bruders“ keinen Roman geschaffen, auch keine Erzählung  im herkömmlichen Sinne – vielmehr ist dieser Text eine Konfrontation mit tiefsitzenden Ängsten und Aufarbeitung  seiner Kindheit. Diese Aussage mag abschreckend wirken und auch sind die Inhalte nicht leicht verdaulich – dennoch ist man gefesselt von dieser Geschichte Uwe Timms und dessen Familie, dass man sie auf der Stelle lesen muss.

Uwe Timm möchte mit „Am Beispiel meines Bruders“ seinem 16 Jahre älteren Bruder näherkommen und versuchen diesen zu verstehen. Das ist nicht einfach für ihn, denn sein Bruder starb mit 19 Jahren in einem Feldlazarett, nachdem er sich ein Jahr zuvor freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte.

Timm versucht herauszufinden, wie viel Schuld sein Bruder auf sich geladen hat. War er ein Überzeugungstäter, ein Opportunist? Um dies herauszufinden, hat Timm nur eine wage Erinnerung, das Kriegstagebuch des Bruders, zwei alte Fotos und die Briefe, die er seinen Eltern aus dem Krieg schrieb. Was soll Timm also über seinen Bruder wissen – geschweige denn schreiben?
Einfach hat es sich Uwe Timm nicht gemacht mit seiner autobiographischen Erzählung. Es ist eine Aufarbeitung auf die er lange gewartet hat. Der tote, aber nie ganz anwesende, Bruder überschattet seine Kindheit. Erst nachdem alle Mitglieder seiner engeren Familie gestorben sind und er sich dazu in der Lage fühlte, konnte er dieses „Experiment“ beginnen. Durch die Aufarbeitung der Geschichte seines Bruders widmet er sich auch der Rolle seiner Eltern und setzt sich mit der Schuld ihrer Generation und deren mangelnden Willen zur Aufarbeitung auseinander.

Die „Gnade der späten Geburt“ kommt in dem Werk Timms entscheidend zum Tragen. Timm erkennt, dass er sich durch die Erziehung des Vaters und die äußeren Umständen er sich möglicherweise ähnlich wie sein Bruder hätte entscheiden können, es ihm aber durch eine späte Geburt erspart geblieben ist. Er verurteilt somit seinen Bruder nicht auch weil er dazu viel zu wenige Informationen über ihn hat.

Timm regt mit seinem Werk dazu an den Blick auf die „Tätergeneration“ zu erweitern und diese noch einmal neu und anders zu betrachten. Keinesfalls geht es ihm aber darum die Schuld der Tätergeneration zu bagatellisieren.

"Die Jungen sollten es lesen, um zu lernen, die Alten um sich zu erinnern, und alle, weil es gute Literatur ist." Elke Heidenreich

"Abwesend und doch anwesend hat er mich durch meine Kindheit begleitet, in der Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters, den Andeutungen zwischen den Eltern. Von ihm wurde erzählt, das waren kleine, immer ähnliche Situationen, die ihn als mutig und anständig auswiesen. Auch wenn nicht von ihm die Rede war, war er doch gegenwärtig, gegenwärtiger als andere Tote, durch Erzählungen, Fotos und in den Vergleichen des Vaters, die mich, den Nachkömmling, einbezogen." Wer war dieser Karl-Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine? Warum hat er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben?

Timm, Uwe
Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Geschichten faszinierten Uwe Timm von klein auf: Er lauschte dem »Seemannsgarn« seines Großvaters, einem Kapitän, schlich immer wieder zu seiner Tante ins Hafenviertel, in deren Küche sich Leute aus dem Rotlichtmilieu trafen, und schrieb schon als Schuljunge eigene Geschichten. Nach dem Tod des Vaters leitete er drei Jahre lang das Kürschnergeschäft, machte dann am Braunschweig-Kolleg sein Abitur und studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik. Er promovierte mit einer Arbeit über Albert Camus. Anschließend studierte er Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Den Aufbruch Ende der sechziger Jahre erlebte Uwe Timm als Student aktiv mit. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern der 68er-Generation; die Aufarbeitung dieser Zeit zieht sich durch sein gesamtes Werk. Der Vater von vier Kindern verfasste auch vier Kinder- und Jugendbücher. Außerdem arbeitete er als Drehbuchautor. Für seine Romane und Erzählungen erhielt Uwe Ti
mm zahlreiche Auszeichnungen und Preise: 2001 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und den Tukanpreis der Landeshauptstadt München, 2002 den Literaturpreis der Landeshauptstadt München, 2003 den Schubart-Literaturpreis und den Erik-Reger-Preis der Zukunftsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz. 2006 wurde Uwe Timm mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet, 2009 erhielt er den Heinrich-Böll-Preis und 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille. 2013 wurde Uwe Timm der Kulturelle Ehrenpreis der Landeshauptstadt München verliehen, 2018 der Schillerpreis und das Bundesverdienstkreuz. Uwe Timm lebt in München und Berlin.

"Ein sehr persönliches Buch ist so entstanden, interessant für alle, die Näheres über die letzten Kriegsjahre und das Leben im Nachkriegsdeutschland erfahren möchten."
Susanne Lützel, Lebendige Bibliothek, Westdeutsche Allgemeine Zeitung 23.01.2009
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