Der vergessliche Riese

Der vergessliche Riese

Nominiert für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2019 (Shortlist)

ROWOHLT, REINBEK
ArtikelNr.: 90-378649
MedienNr.: 928649
ISBN/EAN: 9783498073855
22,00 €
medienprofile-Rezension

Der Autor schildert die sich verändernde Beziehung zu seinem demenzkranken Vater.
"Was machst du denn hier, Freund?" Mit diesem Satz wird der Autor neuerdings von seinem Vater begrüßt. Lange Zeit hatten sie nicht viel Kontakt zueinander, der Vater war viel unterwegs, auch im Ausland. Doch jetzt, wo auch dessen zweite Frau Claire verstorben ist, braucht er Hilfe, weil ihm sein Leben entgleitet. Seine drei Kinder wissen, dass die beginnende Demenz des Vaters nicht aufzuhalten ist. Sie sorgen für polnische Betreuerinnen, die bei ihm leben, später für den Umzug in ein Altersheim. Der Autor besucht ihn regelmäßig, fliegt aus Berlin an den Rhein, wo der Vater lebt, zu Weihnachten, oder wenn wieder einmal eine Fahrt zur Beerdigung eines nahen Verwandten ansteht. Geduldig geht der Sohn auf die immer gleichen Fragen ein. Ein Großteil des Textes wird in wörtlicher Rede gehalten, dadurch kommt die Komik und Drastik der Situation unmittelbar zum Ausdruck. Berührend sind die Szenen, wenn der Erzähler die Hand des Vaters nimmt, die ihm wie eine Kinderhand vorkommt, und er erinnert sich an die Zeit, als sie ihm wie die Hand eines Riesen erschienen ist. - David Wagner erzählt von der sich umkehrenden Vater-Sohn-Beziehung, wie die dominante Vaterfigur sich immer mehr zum hilflos-schwachen Kind zurückverwandelt. - Ein berührendes Buch. Sehr gerne allen Beständen empfohlen.
Verlagsinformation

<br />Bayerischer Buchpreis 2019 für "Der vergessliche Riese".<br /><br />Eine Familie erlebt einen Rollentausch: Der Vater, zweifach verwitwet, ist wieder Kind geworden. Er braucht Betreuung und wird sein Haus verlassen müssen, denn er vergisst, was gerade eben noch gewesen ist. Immer wieder erzählt er seine Liebesgeschichten, und manchmal phantasiert er.<br />Nach dem Bestseller "Leben", ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, schafft David Wagner etwas, das sehr kostbar ist: Er zeigt einen Menschen, der - obwohl er nur noch in der Gegenwart lebt und allmählich verschwindet - unverwechselbar bleibt mit all seinen liebenswerten Eigenheiten und den Erinnerungen, die er noch hat. Die Zärtlichkeit, die der Erzähler ihm bei seinen Besuchen und auf zahlreichen Autofahrten zu Orten der Vergangenheit entgegenbringt - "hier haben wir gewohnt, Papa, hier hast du gearbeitet, hier bist du aufgewachsen" -, berührt tief, auch die Geduld, der Humor, das Ausbleiben von Hadern und Wut. Ganz leise, fast<br />unmerklich, schreitet die Demenz voran, doch sie verläuft hier ohne Schrecken. Der alte Galan, den seine Brüder wie früher Valentino nennen, ist glücklich, obwohl er weiß, was mit ihm ist.<br />Ein großes Thema unserer Zeit, das immer mehr Menschen betrifft. Und eine unvergessliche Erzählung.